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„Bildungsgerechtigkeit bedeutet, Schulen aus der Mitte der Gesellschaft zu denken“
Bildungsforscherin Sabine Doff über gerechte Schulen
Wie gelingt Bildungsgerechtigkeit in Zeiten knapper Ressourcen? Professorin Sabine Doff berichtet im Interview über das Projekt „Unlock the Future“, ein Forschungs‑ und Transferprojekt der Uni Bremen, das gemeinsam mit Schulen in Bremen und Bremerhaven untersucht, wie Bildungsgerechtigkeit im Schulalltag konkret umgesetzt werden kann.
Frau Doff, was war der Ausgangspunkt für Ihr Projekt?
Unlock the Future ist vor etwa drei Jahren als Studie gestartet, um zu untersuchen, wie Schulen in Bremen und Bremerhaven Bildungsgerechtigkeit verstehen und umsetzen. Besonders interessiert hat mich dabei: Was gelingt den Schulen schon heute – trotz der bekannten Herausforderungen wie Ressourcenknappheit? Viele Schulen haben spannende, konkrete Ideen, die bislang wenig Beachtung finden. Unsere Perspektive war es, das sichtbar zu machen – nicht durch eine rosa Brille, sondern mit wertschätzendem Blick auf die Praxis.
Sie haben für das Projekt zwölf Schulen in Bremen und Bremerhaven besucht. Was war für Sie besonders an der Zusammenarbeit?
Die Offenheit der Schulen war beeindruckend. Viele waren fast erleichtert, dass jemand kommt und fragt: „Wie macht ihr das eigentlich?“ Und wir haben schnell gemerkt: Wenn man nicht über Schulen spricht, sondern mit ihnen, dann entsteht Vertrauen. Das hat es uns ermöglicht, nicht nur die Perspektive der Lehrkräfte, sondern auch die der Kinder und Jugendlichen in Gesprächen, bei Fotoshootings, in Workshops einzubeziehen. Das ist in der Forschung bisher eher selten.
Wie kam dabei Künstliche Intelligenz ins Spiel?
Das entwickelte sich in mehreren Schritten. Mit Unterstützung der Fotografin und Wissenschaftskommunikatorin Gesine Born vom Bilderinstitut Berlin sammelten wir Ideen der Schülerinnen und Schüler, wie eine bildungsgerechte Schule aussehen könnte. Dann haben wir mit bildgebender KI gearbeitet, um diese „Traumschulen“ zu visualisieren. In einem weiteren Schritt konnten die Kinder ein Bild von sich selbst in 20 Jahren entwerfen – als Ärztin, Lehrer, was auch immer sie sich wünschten. Für viele war das ein ganz neuer Impuls: ein Lebensentwurf, der ihnen sonst nicht so leicht zugänglich ist. Die KI hat dabei geholfen, abstrakte Zukunftsvorstellungen greifbar zu machen – für alle Kinder, unabhängig von ihrem Elternhaus und anderen individuellen Unterschieden.
Welche Perspektiven eröffnen sich durch KI für mehr Bildungsgerechtigkeit?
Wir entwickeln aktuell einen KI-Coach, der Schülerinnen und Schüler dabei unterstützt, sich mit Fragen von Bildungsgerechtigkeit auseinanderzusetzen. Ziel ist es, dass jede Schule unabhängig von ihrer Ausstattung solche Prozesse anstoßen kann. Aber dafür brauchen wir rechtliche und technische, an denen die Bremer Bildungsbehörde gerade arbeitet. Entscheidend ist: Wenn KI verantwortungsvoll an Schulen in Bremen und darüber hinaus eingesetzt wird, kann sie zur Partizipation beitragen und damit zur Demokratiebildung.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Bildung?
Ich wünsche mir, dass wir Bildung nicht nur verwalten, sondern mit den Kindern und Jugendlichen zusammen gestalten. Wenn wir von Gerechtigkeit sprechen, müssen wir sie auch konkret machen: in Schulalltag, Lehrplänen und Technologien. Und wir sollten früh anfangen, junge Menschen dazu zu befähigen, aus der Mitte der Gesellschaft heraus Verantwortung zu übernehmen. Das ist die eigentliche Zukunftsperspektive von Unlock the Future.
Veranstaltung „Unlock mAI Future“ – KI trifft Bildungsgerechtigkeit
Am 16. Januar 2026 lädt die Universität Bremen zur Veranstaltung „Unlock mAI Future“ ins Forum am Domshof ein. Im Fokus steht der Einsatz von Künstlicher Intelligenz für mehr Bildungsgerechtigkeit. Vorgestellt werden u. a.: unter anderem ein KI-Coach für Schulen sowie neue Ansätze zur Beteiligung von Schüler:innen. Die Teilnahme ist kostenfrei, eine Anmeldung wird empfohlen. Weitere Informationen stehen auf der Website Unlock mAI Future
Ausstellung „Unlock the Future“
Wie sieht eine gerechte Schule aus? Was ist überhaupt Bildungsgerechtigkeit – und warum geht uns das alle an? Antworten auf diese Fragen liefert die Ausstellung „Unlock the Future“. Sie macht Forschungsergebnisse zum Thema Bildungsgerechtigkeit in Bremen und Bremerhaven erlebbar. Vom 9. Dezember 2025 bis 31. März 2026