Sprachkontakt statt Sprachverfall: Wie Mehrsprachigkeit das Mopan Maya prägt

Linguistin Nicole Hober erforscht in Belize die Maya-Sprache und unterstützt eine Übersetzung des „Kleinen Prinzen“

Forschung / Uni & Gesellschaft

Wenn Nicole Hober im Süden Belizes Gespräche in Mopan Maya aufzeichnet, interessiert sie vor allem, wie Mehrsprachigkeit im Alltag gelebt wird und wie Sprecher:innen den Kontakt zwischen Mopan Maya, Englisch und Kreol bewerten. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur Sprachpraxis und Code-Switching, sondern auch die Sorge vieler Menschen, dass ihre indigene Sprache durch äußere Einflüsse an Eigenständigkeit verliert. Hobers Forschung zeigt, wie eng Sprachgebrauch, Geschichte und koloniale Erfahrungen miteinander verknüpft sind.

Nicole Hober ist Doktorandin an der Universität Bremen und untersucht in ihrer Promotion den Einfluss des Englischen auf das Mopan Maya. Die indigene Sprache gehört zur Maya-Sprachfamilie und wird von rund 11.000 Menschen in Belize sowie etwa 3.000 in Guatemala gesprochen. Besonders interessant ist ihr gewählter Forschungsort, wie die Linguistin erklärt: „Belize ist das einzige englischsprachige Land in Zentralamerika, in dem Maya-Sprachen gesprochen werden“. Während in Zentralamerika meist Spanisch die dominante Kontaktsprache ist, wirkt in Belize vor allem Englisch – ergänzt durch Belizean Kriol – auf indigene Sprachen ein.

Sprache im Gebrauch

Methodisch verfolgt Nicole Hober einen ganzheitlichen Ansatz. Sie erhebt Audioaufnahmen aus unterschiedlichen Gesprächssituationen und analysiert diese, teilweise auch gemeinsam mit den Sprecher:innen. So wird sichtbar, wie systematisch zwischen Mopan, Englisch und Kriol gewechselt wird – je nach Gesprächspartner:innen, Thema und Situation. Dieser situationsabhängige Wechsel wird in der Linguistik als Code-Switching bezeichnet.

Ein Beispiel ist der Mopan-Sprecher und Sprachaktivist Stanley Peck: Mit Gleichaltrigen spricht der 29-Jährige meist eine Mischung aus Mopan, Kreol und Englisch, mit Älteren hingegen deutlich mehr Mopan – oft unbewusst. „Solche Muster folgen klaren kommunikativen Regeln“, sagt Nicole Hober. „Sie zeigen, wie Mehrsprachigkeit im Alltag organisiert ist.“

„Code-Switching ist eine Stärke.“

Gleichzeitig betonen viele Sprecher:innen, sie wollten möglichst wenig Englisch verwenden, insbesondere in der geschriebenen Form. „Die gemeinsame Analyse der Aufnahmen führt oft zu Verwunderung, dass doch häufiger als erwartet englische Begriffe genutzt werden“, so Hober. Für die Wissenschaftlerin ist das kein Zeichen von Sprachverfall, sondern Ausdruck sprachlicher Kompetenz: „Code-Switching ist eine Stärke. Entscheidend ist, dass Sprecher:innen situativ zwischen Sprachen wählen können.“

Koloniale Erfahrungen und Skepsis

Die Forschung findet in einem historisch sensiblen Kontext statt. Koloniale Erfahrungen wirken bis heute nach – auch im Verhältnis zur eigenen Sprache. Viele Menschen befürchten, dass Mopan Maya „verwässert“ und verdrängt wird. „Es gibt eine große Skepsis gegenüber Forschung aus dem Ausland. Ich hatte zu Beginn Schwierigkeiten, Proband:innen zu finden, die mit mir über ihre indigene Sprache sprechen wollten“, so Nicole Hober. „Früher sind Forschende gekommen, haben Daten gesammelt und die Erkenntnisse wieder in ihr Heimatland getragen – ohne, dass die indigene Bevölkerung davon profitiert hat.“

Hinzu kommt, dass viele historische Maya-Schriften heute in europäischen Archiven liegen. Die Angst, dass Sprache erneut enteignet wird, ist entsprechend groß. Diese Erfahrungen prägen auch die Haltung gegenüber Sprachkontakt und Lehnwörtern. Der Wunsch nach einer möglichst „reinen“ Sprache ist eng mit Fragen von Identität und Selbstbestimmung verbunden.

Nicole Hober begegnet dieser Skepsis mit Transparenz und langfristiger Zusammenarbeit. Ihre Forschung erfolgt nach dem Prinzip des „Free, Prior and Informed Consent“, das die Zustimmung der Dorfgemeinschaft voraussetzt. „Die Frage, was die Gemeinschaft von der Forschung hat, ist für mich zentral.“

„Der Kleine Prinz“ als lokales Projekt

Schon in ihrem Bachelor- und Masterstudium der Allgemeinen Linguistik sowie der English Speaking Cultures an der Universität Bremen beschäftigte sich Nicole Hober mit Maya-Sprachen. Vor allem das Mopan Maya faszinierte sie, da es bislang wenig erforscht ist. Seit 2022 war Hober insgesamt sechs Mal in Belize für ihre Forschung, zunächst acht Monate am Stück, später in mehreren kürzeren Aufenthalten. Erste Kontakte knüpfte sie in Belize über ein DAAD-Stipendium, das ihr einen Aufenthalt an der Galen University ermöglichte, an der sie auch lehrte. Ihre Feldforschung fand vor allem im Süden des Landes statt, da es im Norden kaum noch Mopan-Sprecher:innen gibt.

Aus der engen Zusammenarbeit mit der Sprecher:innengemeinschaft und deren Wunsch nach einem geschriebenen Werk in Mopan Maya entstand auch die Übersetzung von „Der kleine Prinz“. Übersetzt wurde das Buch von Elvia Bo und Stanley Peck; Nicole Hober unterstützte die Übersetzer:innen bei linguistischen Entscheidungen. „Da Mopan kaum geschrieben, sondern mündlich überliefert wird, gibt es für viele Wörter keine standardisierte Schreibweise. Bei solchen Entscheidungsprozessen konnte ich als Linguistin unterstützen“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Für Begriffe, die historisch erst nach der präkolonialen Maya-Zeit entstanden sind – etwa das Flugzeug – wurden Lehnwörter übernommen, etwa ab ýon vom spanischen Begriff avión. Bei Wörtern wie der Rose entschieden sich die Übersetzer:innen für Umschreibungen wie chäk k’i’ix top‘ „rote, stachelige Blume“, da Rosen keine weitverbreiteten Pflanzen in Belize sind. So wird Sprachkontakt sichtbar gemacht, ohne die Eigenständigkeit des Mopan zu übergehen.

Stanley Peck und Nicole Hober halten jeweils eine Ausgabe des Buchs „Der kleine Prinz“ in Mopan Maya in den Händen.
Stanley Peck ist einer der Übersetzer für das Buch „Der kleine Prinz“ in Mopan Maya. Nicole Hober unterstützte ihn und Elvia Bo bei der Übersetzung mit linguistischen Entscheidungen.
© Juan Caal

Forschung, die bleibt

Rund 1.000 Exemplare wurden gedruckt, ergänzt durch ein frei zugängliches Hörbuch, eingesprochen von Grundschulkindern und Lehrer:innen in Belize. Für viele Kinder ist es das erste Buch in ihrer indigenen Sprache, da in der Schule lange Zeit nur Englisch unterrichtet wurde. Die Idee für die Buchauswahl erhielt Nicole Hober von Professor Thomas Stolz von der Uni Bremen, der in seiner eigenen Forschung mit den Übersetzungen des „Kleinen Prinzen“ gearbeitet hat. Gerade weil das Buch weltweit bekannt ist, eignet es sich als gemeinsamer Bezugspunkt, um Fragen von Übersetzung, Sprachkontakt und einer einheitlichen Schriftsprache gemeinsam auszuhandeln.

Inzwischen hat Nicole Hober ihre Dissertation abgegeben. Auch nach ihrer Promotion möchte sie sich weiter mit Mopan Maya beschäftigen. Ihre Arbeit zeigt, dass Sprachkontakt kein Verlust sein muss – sondern Ausdruck lebendiger Mehrsprachigkeit und gemeinsamer Aushandlung.

Weitere Informationen

Interessierte können ein Exemplar des „Kleinen Prinzen“ in Mopan Maya gegen eine Spende bei Nicole Hober unter hober@uni-bremen.de erhalten. Die Spenden werden für weitere Sprachausbaumaßnahmen genutzt, insbesondere für den Druck bilingualer Kinderbücher, die von Mopan-Sprecher:innen selbst geschrieben werden.

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