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Mehr Chancengleichheit in der Bildung

Wie funktioniert die PRIMUS-Schule?

Was passiert, wenn man Primar- und Sekundarstufe zusammenlegt? Diese neue Schulform – genannt PRIMUS – wird seit 2013 in Nordrhein-Westfalen erprobt. Die Universitäten Bremen und Münster begleiteten den Schulversuch im gleichnamigen Forschungsprojekt PRIMUS. Sven Pauling, bis vor kurzem Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Schultheorie und empirische Schulforschung an der Universität Bremen, berichtet von den Ergebnissen der fünfjährigen Forschung.

Herr Pauling, was genau ist eine PRIMUS-Schule?

Der Schulversuch PRIMUS begann im Schuljahr 2013/14 in fünf Schulen in Nordrhein-Westfalen. Das Akronym „PRIMUS” zielt auf den Versuchskern: Die Zusammenlegung von Primar- und Sekundarstufe. Damit wird eine neue Schulform erprobt, in welcher der Übergang von der vierten in die fünfte Jahrgangsstufe keinen Schulwechsel erforderlich macht. Das hat den Nebeneffekt, dass auch in strukturschwachen, ländlichen Räumen mit sinkenden Schülerzahlen alle Schulabschlüsse bis zur Oberstufe angeboten werden kann.

Das nordrhein-westfälische Ministerium für Schule und Bildung hat fünf Eckpunkte für die Gestaltung vorgegeben:

1. Langformschule von Klasse 1 - 10

Die PRIMUS-Schulen verzichten auf Notengebung bis einschließlich Klasse 8. Sie orientieren sich an Konzepten individualisierten inklusiven Unterrichts. Lehrkräfte an PRIMUS-Schulen unterrichten auch stufenfremd. Die Mischung der unterschiedlichen Jahrgänge soll den weichen Übergang in die Sekundarstufe nach der 4. Klasse ermöglichen.

2. Jahrgangsgemischte Lerngruppe

Alle PRIMUS-Schulen sind von der ersten bis zur zehnten Klasse jahrgangsübergreifend. Dies soll zu einer individualisierten Lernkultur und einer veränderten sozialen Ordnung der Lerngruppen führen.

3. Inklusion

Alle Schulen sind als inklusive Schulen angelegt, das bedeutet, dass alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam unterrichtet werden können.

4. Multiprofessionelle Teams

An PRIMUS-Schulen arbeiten dementsprechend sowohl Grund-, Haupt-, Real-, Sonderschul- und Gymnasiallehrerinnen und -lehrer als auch Erzieherinnen und Erzieher, Sozialpädagoginnen und -pädagogen gemeinsam in multiprofessionellen Teams.

5. Alternative Leistungsbewertung

Schließlich müssen alle PRIMUS-Schulen auf alternative Formen der Leistungsbewertung zurückgreifen.

Das pädagogische Konzept des Schulversuchs PRIMUS
© Sven Pauling

Wozu braucht man diese Schulform?

In kaum einem Befund ist sich die bildungswissenschaftliche Diskussion so einig, wie in diesem: Die im internationalen Vergleich frühe Selektion nach Jahrgang vier beziehungsweise sechs führt in Deutschland zu einer hohen Selektivität des Schulwesens und verschärft den Zusammenhang von familiärem Milieuhintergrund und Bildungserfolg.

Kinder, die früh in eine Schulform selektiert werden – zum Beispiel in die Hauptschule, die ihnen weitergehende Bildungschancen wie das Abitur verwehrt – können im Anschluss kaum gesellschaftlich aufsteigen. Die PRIMUS-Schule eröffnet hier mehr Möglichkeiten: Die Schülerinnen und Schüler bleiben nach der vierten beziehungsweise sechsten Klasse auf derselben Schule und können beobachten und mitsteuern, wohin sich ihr Leistungsvermögen entwickelt und welchen Schulabschluss sie zum Ende der 10. Klasse anstreben möchten. Dazu tragen die individualisierten Lernformen und die Beratung durch die Lehrkräfte bei, wodurch die Schüler selbst bestimmen können, innerhalb welcher Zeiträume sie auf welchem Niveau ihr Lernmaterial bearbeiten wollen.

Zugleich können die PRIMUS-Schulen ein Vorbild in Sachen Inklusion sein: Durch die individualisierten Lernpfade und Fördergespräche, die jede PRIMUS-Schülerin und jeder Schüler erhält, fallen diejenigen, die sonderpädagogischen Förderbedarf haben, weniger auf. Dadurch verliert der potentiell stigmatisierende Status der sonderpädagogischen Schülerin oder Schülers im Klassenraum an Exklusivität und gewinnt an Normalität.

Welche Erfahrungen gibt es bislang mit den PRIMUS-Schulen?

Unsere Interviews mit Schülerinnen und Schülern ergeben, dass sie ihre Optionen spätestens in der Sekundarstufe 1 – also nach der Grundschule – erkennen. Sie entwickeln ein Bewusstsein dafür, dass ihr eigenes Lernen eine Auswirkung auf ihre späteren Lebenschancen hat. Analog hierzu konnten wir in der Begleitforschung feststellen, dass sich die PRIMUS-Schulen nicht nur als besonders leistungsfähige inklusive Schulen in ihren Gemeinden etabliert haben, sondern dass auch die ersten Absolventinnen und Absolventen Abschlüsse über den Erwartungen gemacht haben: Insgesamt erreichen bisher deutlich mehr Kinder einen höheren Bildungsabschluss, als ihnen im Übergang von Klasse vier nach fünf prognostiziert worden ist.

Dies ist nicht zuletzt auf die engagierte Arbeit der Lehrkräfte zurückzuführen, die, wenngleich sie sich außergewöhnlich stark mit ihren Schulen identifizieren, doch auch vor großen Herausforderungen stehen. Sie sind müssen ihr eigenes professionelles Verständnis im Sinne einer multiprofessionellen Teamarbeit und im Sinne des Modells der Lernbegleitung verändern, um auf das neue Lernarrangement reagieren und es entwickeln zu können.

Online-Vortrag über PRIMUS-Schulen am 16. Oktober

Am Freitag, 16. Oktober 2020, eröffnet die Pädagogischen Hochschule Heidelberg das Annelie-Wellensiek-Zentrum für Inklusive Bildung (AW-ZIB). Im AW-ZIB werden Menschen, die als kognitiv beeinträchtigt gelten und vorab eine dreijährige Vollzeit-Qualifizierung zu Bildungsfachkräften absolviert haben, angestellt– sozialversicherungspflichtig und unbefristet. Das ist so im Bildungsbereich deutschlandweit einmalig.

Im Rahmen der Eröffnung hält Sven Pauling einen Vortrag über die Weiterentwicklung inklusiver Professionalität an PRIMUS-Schulen.

Die Teilnahme an der Eröffnung sowie an der anschließenden Fachtagung zum Thema Inklusion ist online und für alle am Thema Interessierten möglich. Der Anmeldeschluss ist der 14. Oktober 2020. Weitere Informationen sind auf der Webseite der Pädagogischen Hochschule Heidelberg zu finden.

Über Sven Pauling

Sven Pauling hat die PRIMUS-Schulen fünf Jahre lang an der Universität Bremen beforscht und schreibt seine Doktorarbeit über Professionalisierung und Schulentwicklung von Lehrerinnen und Lehrern im Schulversuch PRIMUS.

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