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Wer lesen kann, ist klar im Vorteil

In dieser Serie stellen wir Menschen vom Campus und ihre Lektüre vor

Annette Berneburg ist täglich quasi von Büchern eingerahmt. Als Leiterin der Universitätsbuchhandlung ist Lesen ihr Geschäft. Sie hat alle Neuerscheinungen im Blick und gibt gern Empfehlungen. Zum Beispiel Bücher mit spannender Unterhaltung, also einem richtigen Plot, und dazu noch anspruchsvoller, innovativer Sprache. Ihre Expertise wird sehr geschätzt.

Trotz Corona-Krise und verwaistem Campus hält sie den Laden eisern täglich von 9.30 Uhr bis 15 Uhr geöffnet. Zusätzlich liefert die Inhaberin persönlich mit dem Fahrrad Bücher an ihre Kundinnen und Kunden aus. Einer der Getreuen nennt sie in Anlehnung an eine bekannte Firma fortan „meine Amazone“. Zum Gespräch in einem eben wiedereröffneten Café in Schwachhausen zaubert sie gleich zwei Romane aus dem Ärmel. „Ich kann mich nicht richtig entscheiden. Beide sind besonders, und ich möchte sie empfehlen“, sagt Annette Berneburg. Das eine ist das sensible Buch des Vietnamesen Ocean Voung „Auf Erden sind wir kurz grandios“ (herrlicher Titel!). Wir einigen uns dann schließlich auf den kürzlich erschienenen Roman „Der Milchmann“, der den Man Booker Prize und noch weitere erhalten hat.

Wer ist der Milchmann?

Die von der Nordirin Anna Burns erzählte Geschichte ist beklemmend und ironisch zugleich, eine grandiose Mischung. „Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb“, liest die Fachfrau fürs Lesen den ersten Satz vor. Wer ist der Milchmann? Er lieferte nie Milch aus, nahm keine Bestellungen an, hatte in seinem Lieferwagen nie Milch dabei. Der Milchmann ist, so stellt sich im Laufe der Lektüre heraus, der Anführer lokaler Paramilitärs. Obwohl kein Ortsname explizit ausgesprochen wird: „Man erkennt recht schnell, dass es um die IRA und die Konflikte in Nordirland in den 1970er-Jahren geht“, sagt Annette Berneburg.

Schwager Eins und der Vielleicht-Freund

Im Roman ist die Rede vom „Land auf der anderen Seite der See“ und auch von „der anderen Seite der Hauptstraße“. Die Leserinnen und Leser müssten mitarbeiten, dechiffrieren. Zum außergewöhnlichen Stil der Autorin gehöre es, keine Namen zu nennen. Schwager Eins, Schwager Zwei, der Vielleicht-Freund…„Man muss sich etwas gewöhnen, doch es klappt gut“, ermuntert die Buchhändlerin.

18-Jährige wird gestalkt

Und die eigentliche Handlung? Eine Story, die perfekt in die #MeToo-Ära passt. Die Ich-Erzählerin, 18 Jahre alt, verliebt in Bücher aus dem 19. Jahrhundert, die sie beim Spazierengehen liest, wird quasi aus dem Nichts gestalkt. Von einem 41-jährigen Mann. „Ein hohes Tier, der ihr auflauert und alles über sie weiß“, fasst Annette Berneburg zusammen. In fast atemlosen Erzählstil wird eine „unerwünschte Annäherung“ nachgezeichnet und zugleich die unheilvolle und beklemmende Atmosphäre zweier Lager in einer religiösen Landschaft illustriert. Das gelingt in dem Roman grandios, weil auch so ein bisschen Simplicissimus darin steckt. Der Text ist gruslig und schelmisch zugleich. „Teilweise unfassbare Situationen“, sagt die Gesprächspartnerin.

Tolles Team

Mehr verrät Annette Berneburg jetzt nicht, Interessierte können das Buch ja bei ihr bestellen, und sie bringt es als „Amazone“ vorbei. Sie ist übrigens seit 2001 Inhaberin der Universitätsbuchhandlung „dein unibuch“ am Boulevard, die es schon seit 1991 gibt. Alles ist zu haben von Romanen über Fach- und Lehrbücher bis hin zu Kinderliteratur. Große Wertschätzung bringt die Chefin ihren beiden Mitarbeitern Karlheinz Winterfeldt und Sören Kipp entgegen. Was für ein tolles Team die drei sind, sieht man auf einem lässigen Foto in der Bildergalerie der Website. Und da gibt es auch ständig neue Belletristik-Empfehlungen. Also, mal reinschauen: www.unibuch-bremen.de


Wer hat eine Buchempfehlung, die er anderen Leseinteressierten nicht vorenthalten will? Es kann Belletristik sein, aber auch Sachbücher sind interessant. Eine Nachricht an die up2date-Redaktion up2date@uni-bremen.de reicht, und wir kommen zum Interview vorbei.

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