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Berufe mit Zukunft bietet der Master Stadt- und Regionalentwicklung – seit zwanzig Jahren.

Lehre & Studium

Die Mobilitätswende gestalten, Stadtviertel fit für die Zukunft machen oder die Digitalisierung in der Verwaltung voranbringen. Das sind nur einige Bereiche, in denen Absolvent:innen des Masters Stadt- und Regionalentwicklung heute arbeiten. Zum zwanzigsten Geburtstag des Studiengangs hat up2date. mit drei von ihnen gesprochen.

Die „wirkliche Chance“ auf Interdisziplinarität. Das versprachen sich die Professor:innen rund um Ilse Helbrecht, als 2003 die ersten Masterstudierenden für „Stadt- und Regionalentwicklung“ an die Uni Bremen kamen. Weit davon entfernt, lediglich ein neues Etikett für die alten Diplomabschlüsse in Geographie oder Soziologie zu sein, sollte der Master vernetztes Denken fördern. In einem Deutschlandfunkbeitrag erläuterte Helbrecht, „es ist ganz klar, dass in den Fragen der Stadt- und Regionalentwicklung Querschnittswissen immer wichtiger wird. Verschiedene Politikfelder vom Verkehr über den Tourismus bis zur Wirtschaftsförderung werden in ihrer wechselseitigen Verbundenheit gesehen.“ Diesen Zielen ist sich der Studiengang auch nach zwanzig Jahren treu geblieben. Julia Lossau, Professorin für Stadtgeographie: „Auch heute noch wird der Studiengang von den Fächern Geographie und Soziologie interdisziplinär getragen. Durch diese Fächerkombination hebt sich der Studiengang von vergleichbaren Studienangeboten aus dem Bereich der Stadt- und Regionalforschung ab.“ Ein Schwerpunkt liege dabei auf der projektbezogenen Arbeit, wie sie für die einschlägigen Berufsfelder der Stadt- und Regionalentwicklung typisch ist. Insgesamt 227 Studierende haben den Master seit 2003 abgeschlossen. Dr. Hanna Augustin, Lars Degen und Sören Matthies sind drei von ihnen. Wie haben sie das Studium und den Berufseinstieg erlebt? Und was raten sie den aktuellen Studierenden des Masters?

Woher kommt Ihr Interesse an der Stadt- und Regionalentwicklung?

Dr. Hanna Augustin: Das war ein fachliches Interesse ohne konkreten Berufswunsch. Ich komme aus den Bereichen Sozialwissenschaft und Soziologie und habe gemerkt, dass mich das Thema Stadt interessiert und welche Bedeutung der gebaute Raum für das Leben hat. Auf dem Gebiet wollte ich mich weiterbilden.

Lars Degen: Ich habe mich immer schon dafür interessiert, wie sich Städte entwickeln, wie sich Gesellschaften entwickeln und wie Stadtplanung auf Entwicklungen reagiert. Und auch für Themen, die dabei eine Rolle spielen, Stichwort: Verkehrsplanung.

Sören Matthies: Durch meinen Bachelor in Geografie lagen meine Schwerpunkte eher in den Bereichen Geoinformationssysteme und Statistik. Diese mit Stadt- und Regionaltheorie zu verbinden hatte ich mir vom Master erhofft. Warum haben Sie sich für den Studiengang Stadt- und Regionalentwicklung entschieden?

Hanna Augustin
Dr. Hanna Augustin, tätig im Stadtumbau bei der Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau, Masterstudentin von 2010 bis 2014.
© Privat

Augustin: Nach meinem Bachelor in Sozialwissenschaften in Marburg war mir klar, dass ich gerne zu den Zusammenhängen von Stadt und Gesellschaft weiterarbeiten wollte. Ich habe dann ganz klassisch im Internet recherchiert. Es gab keinen Kontakt oder eine Verbindung nach Bremen. Ich bin alleine wegen des Masters hierhergezogen. Der Master hat vieles zu bieten und greift aktuelle Themen auf: Etwa soziale Ungleichheit, die in Städten besonders krass ausgeprägt ist. Es geht darum, welche städtebaulichen Maßnahmen oder Infrastruktur möglichst viele Chancen bietet, diese Ungleichheit zu mildern und Chancen zu bieten. Aber auch Klimaschutz, Mobilität und sozialer Zusammenhalt sind wichtige Themen im Master.

Degen: In Bielefeld habe ich Sozialwissenschaften mit Germanistik im Nebenfach auf Bachelor studiert. Aber ich habe dann gemerkt, dass ich eigentlich in Richtung Stadtplanung gehen wollte. Ich habe mir deutschlandweit Masterstudiengänge angeschaut und bin dann in Bremen hängen geblieben: Der Master an der Uni Bremen hatte einen sehr sozialwissenschaftlichen Ansatz und hat insofern inhaltlich für mich gepasst. Das Schöne hier in Bremen war, dass dieser Studiengang relativ offen gestaltet war und ich nicht Geografie studiert haben musste. Es war ein lockerer Studiengang, der nicht so streng nach Lehrplan abgelaufen ist. Man hatte wirklich Freiheiten sich zu entwickeln. Ich finde, es war eine gute Mischung.

Matthies: Ich habe an der Uni Bremen im Bachelorstudium ganz klassisch Geografie studiert. Dort wurde ich auf das Masterprogramm aufmerksam. Praktisch war, dass man aus dem Bachelor die Strukturen an der Uni Bremen bereits kannte. Außerdem hat mich der praktische Bezug im Studiengang und die interdisziplinäre Ausrichtung gereizt.

Wie lief Ihr Berufseinstieg ab?

Augustin: Ich habe den Master abgeschlossen und wusste, dass die Promotion eine Option für mich ist. Das Thema hat sich aus meiner Masterarbeit ergeben, in der ich über sogenannte “Food Deserts in den USA geschrieben habe. In meiner Doktorarbeit habe ich dann zum Zugang zu Lebensmitteln in deutschen Städten gearbeitet und die verschiedenen Hürden, etwa räumliche und finanzielle, erforscht. Dabei bin ich ganz stark von Professorin Marit Rosol gefördert worden, die zu der Zeit eine Vertretungsprofessur im Fachbereich hatte. Ein erster kleiner Berufseinstieg gelang mir im Referat für Stadtumbau – in dem ich heute noch arbeite –, als ich für ein dreiviertel Jahr eine Elternvertretung hatte. Nach dem Abschluss meiner Promotion habe ich mich beworben und seit 2019 eine volle Stelle.

Degen: Tatsächlich lief das über den heutigen Betriebsleiter, Sascha Stuckenbrock. Er hat zum damaligen Zeitpunkt eine Lehrveranstaltung zum Thema „Verkehrsplanung“ angeboten und mitgeteilt, dass die BSAG jederzeit auf der Suche nach Praktikanten ist. Da dachte ich mir, guckst Du mal rein und machst ein Praktikum. Ja, das war ein Volltreffer. Ich habe das Praktikum in den Semesterferien gemacht und anschließend hat sich hier nahtlos eine Anstellung als studentische Hilfskraft angeboten. Nach meinem Abschluss habe ich mich auf eine freie Stelle beworben und so bin ich hier als Verkehrsplaner gelandet. Das hatte natürlich auch mit vielen Zufällen zu tun, dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Manchmal ergeben Sachen ja erst im Rückblick Sinn und ich muss für mich sagen, ich fand das Thema Verkehrsplanung schon immer spannend. Ich wäre aber nie darauf gekommen, Verkehrsplanung zu studieren oder auch tatsächlich später in diesem Bereich zu arbeiten. Insofern haben sich für mich erst durch dieses Praktikum die Augen geöffnet.

Matthies: Der erste berufliche Einstieg ist mir durch die Masterarbeit geglückt. Ich habe in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Resiliente Energiesysteme und dem Statistischen Landesamt Bremen meine Masterarbeit zum Thema Wärmeatlas Bremen geschrieben und konnte so mein Wissen im Umgang mit GIS und Datenauswertung vertiefen. Aus dieser Tätigkeit heraus bin ich zum Kaffeeröster Tchibo und anschließend zur Europcar Mobility Group gekommen und habe in der Standortentwicklung und Expansion gearbeitet: Ich habe Soziodemographie und Geoinformation verwendet, um die bestmöglichen Standorte zu finden. Schlussendlich bin ich auf die andere Seite gewechselt, vom GIS-Analyst hin zum “Softwarehersteller in den Vertrieb. Heute entwickeln wir bei der VertiGIS GmbH “Asset-Management Software-Lösungen, die von der öffentlichen Verwaltung genauso eingesetzt werden wie von Unternehmen aus den Branchen Energieversorgung, Telekommunikation oder Infrastruktur- und Gebäudemanagement.

Lars Degen
Lars Degen, Fachbereichsleiter Verkehrs- und Angebotsplanung bei der Bremer Straßenbahn AG (BSAG), Masterstudent von 2009 bis 2012.
© Privat

Was machen Sie konkret beruflich?

Augustin: Ich initiiere und begleiten Stadtumbauprojekte. Wir analysieren ein Stadtviertel aus verschiedenen Perspektiven: Da geht es um Bauliches, um Mobilität, um Klima- und Umweltschutz und um soziale Infrastruktur. Anschließend entwerfen wir Strategien, Ziele und Projekte, um diese Ziele zu erreichen. Es ist eine ganz besondere Arbeit, weil wir von der Planung bis zur Umsetzung dabei sind.

Degen: Ich mache Verkehrs- und Angebotsplanung im Zeitbereich bis zu zwei bis drei Jahren vor Umsetzung einer Maßnahme. Mein Job ist relativ breit gefächert und man braucht nicht zwingend die eine spezielle Qualifikation. Man muss viel kommunizieren, gerade jetzt, wo wir die Verkehrswende umsetzen. Zurzeit befinden uns in der konkreten Planung, wie wir das Verkehrsangebot der BSAG stufenweise um bis zu 50 Prozent ausweiten. In meinen Anfangsjahren war das noch undenkbar gewesen. Das hat sich gesamtgesellschaftlich deutlich und in jedem Fall zum Besseren verändert.

Matthies: Ich bin Key Account Manager, in Deutschland für sieben Bundesländer vertrieblich verantwortlich und für die Digitalisierung – also die digitale Transformation im Bereich der öffentlichen Verwaltung – zuständig. Wenn sich jemand in Bremen bspw. ein Haus kaufen möchte und bei Geoinformationen Bremen eine Liegenschaftskarte bezieht, dann ist das unsere Software, mit der die Fortführung des Liegenschaftskatasters realisiert und durchgeführt wird. Alles, um den Digitalen Wandel der Gesellschaft mitzugestalten.

Sören Matthies
Sören Matthies, Vertriebsleiter NORDOST bei der VertiGIS GmbH, Masterstudent von 2013 bis 2015.
© Privat

Inwieweit war der Studiengang Ihrer Meinung nach eine Vorbereitung auf die Arbeit, die Sie ausüben?

Augustin: Der Studiengang war teilweise sehr theoriegeleitet. Das war einer der wichtigsten Gründe, warum ich mich für ihn entschieden habe. Das hat mich geprägt, wie ich auf Probleme und Arbeitsweisen blicke und die Perspektive wechseln kann. Immer wieder zu Gute kommt mir auch die Arbeit mit den Geografischen Informationssystemen. Vor dem Master hatte ich noch keine Gelegenheit, Erfahrungen damit zu sammeln. Das hat der Master wirklich gut vermittelt.

Degen: Das Wissen, was ich für den Job brauche, habe ich eigentlich erst hier im Beruf gelernt. Das Studium hat vielmehr meinen Blick auf Verkehrsplanung gelenkt und dadurch das Thema erst als mögliches Beschäftigungsfeld erschlossen.

Matthies: Ganz klar beim Thema Interdisziplinarität. Dadurch dass wir eine gemischte Gruppe aus Geisteswissenschaftlern, Soziologen, Politologen und Geografen waren und wir viel praktisch gemeinsam erarbeitet haben, hat man ganz stark gelernt, Sachen zu hinterfragen und sein eigenes Handeln zu reflektieren und noch einen zweiten und dritten Lösungsweg zu finden. Das ist in meinen Augen ein ganz großer Benefit in meinem Berufsalltag, den ein klassischer Betriebs- oder Volkswissenschaftler nicht zwangsläufig mitbringt, weil man dort relativ stark mit Theorien und Standards arbeitet.

Was empfehlen Sie Berufseinsteiger:innen heute?

Augustin: Was der Studiengang bietet ist etwas zweischneidig: Er ist theorie- und forschungsorientiert und das schätze ich sehr. Aber er bietet wenig an konkreter Berufsvorbereitung. Und die wenigsten bleiben in der Wissenschaft. Ich halte es daher für total wichtig, dass man sich während des Studiums breiter aufstellt, um nicht ganz so sehr nach dem Abschluss ins kalte Wasser geschmissen zu werden. Wenn man sich beispielsweise für die Arbeit in der Verwaltung interessiert, sollte man die “General Studies nutzen, einen Einblick in Bauplanung und Bauordnungsrecht zu bekommen. Es ist hart, wenn man sich das alles erst beim Einstieg in den Beruf erarbeiten muss.

Degen: Ich gebe ganz klar die Empfehlung, Praktika in den Semesterferien zu machen. Sowohl um zu sehen, was man machen möchte, aber auch um herauszubekommen, was man nicht machen möchte. Ich hatte in den Semesterferien, bevor ich bei der BSAG war, ein Praktikum in der Energiewirtschaft gemacht. Ohne es genauer beschreiben zu können: Das hat mir sofort gar nicht zugesagt. Ich glaube es ist sehr wichtig, dass man diese Semesterferien wirklich nutzt, um in der Praxis zu landen.

Matthies: Ich würde in jedem Fall versuchen, eine wirtschaftliche Komponente parallel draufzusatteln. Egal für wen man später arbeitet: Öffentliche Hand, Stadtplanung oder ähnliches man steht immer in unmittelbarem Kontakt mit Geldern und wird mit unterschiedlichen Rechtsformen konfrontiert. Es ist sehr nützlich ein gewisses Grundverständnis für Unternehmensstrukturen, Bilanzierung, Ausschreibungsverfahren zu haben. Meine zweite Empfehlung ist, relativ schnell einen Fokus und Schwerpunkt zu finden, wie etwa bei mir mit der Geoinformation. Mit Blick auf diesen Schwerpunkt sollte man den Master dann voll ausschöpfen.

Master in Stadt- und Regionalentwicklung

Der Master Stadt- und Regionalentwicklung ist einer von 64 Studiengängen, die mit dem “Master of Arts oder Science abgeschlossen werden können. Informationen gibt es hier auf der Webseite der Universität Bremen.

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