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Auf den Spuren der deutschen Auswanderung

Der US-Amerikaner Andrew Torget über seine Erfahrungen als Fulbright Fellow

Forschung

Das Sommersemester 2023 verbringt Andrew Torget, Associate Professor für Geschichte an der University of North Texas, an der Universität Bremen. Er lehrt in Seminaren zur US-Geschichte und Sklaverei, forscht über deutsche Auswanderung nach Texas und erkundet daneben mit seiner Familie Deutschland und Europa. Ein Gespräch über eine längst vergessene amerikanische Hafenstadt, überraschende Ansichten deutscher Studierender und den richtigen Umgang mit Bremer Fahrradwegen.

Herr Torget, wie kam es dazu, dass Sie gerade an der Universität Bremen zu Gast sind?

An die Universität bin ich im Rahmen des Fulbright-Programms gekommen. Es ermöglicht Studierenden und Forschenden aus den USA, im Ausland zu lehren und zu forschen. Umgekehrt kommen über das Programm auch ausländische Staatsangehörige in die USA. Ziel ist, dass die Studierenden und Forschenden neue Netzwerke knüpfen und auch nach ihrer Rückkehr erhalten. Für mich bedeutet das konkret, dass ich hier mit zwei Forschenden der Uni Bremen Seminare leite und zu deutscher Auswanderung forsche. Aus der Region rund um Bremen und Bremerhaven emigrierten nämlich im 19. Jahrhundert viele Menschen in die texanische Stadt Galveston, über die ich aktuell ein Buch schreibe.

Was für eine Stadt war Galveston?

Galveston war in den 1830er Jahren noch eine kleine und unbekannte Hafenstadt. Das änderte sich aber durch die vielen Einwander:innen, die von hier aus in die USA kamen. 1890 war Galveston nach New York City der zweitgrößte Hafen der USA. Auch die Einwohnerzahl der Stadt wuchs rasant, von etwa 4.000 im Jahr 1850 auf knapp 38.000 im Jahr 1900. 1900 wurde Galveston dann durch einen Hurrikan zerstört und ist heute wieder eine eher kleine und unbekannte Stadt. Ich habe mir vorgenommen, die Geschichte der Stadt und ihrer Einwanderer:innen zu rekonstruieren.

Was wollen Sie in Deutschland zu Galveston herausfinden?

Ich würde gerne mehr über die Schicksale einzelner Deutscher erfahren, die in die USA emigriert sind. Mithilfe ihrer Lebensgeschichten möchte ich verdeutlichen, wie unterschiedlich die Erfahrungen der Auswanderinnen und Auswanderer zu verschiedenen Zeitpunkten im 19. Jahrhundert waren. Dazu hoffe ich, im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven geeignete Quellen zu finden. Abgesehen von diesem konkreten Thema ist es für mich aber auch spannend, hier in Deutschland andere Sichtweisen auf die Geschichte der USA kennenzulernen. Aktuell leite ich an der Universität zwei Seminare: Mit Cornelius Torp unterrichte ich zur US-Geschichte seit dem amerikanischen Bürgerkrieg und in dem Seminar mit Sarah Lentz geht es um die Geschichte der Sklaverei.

Inwiefern schauen die Bremer Forschenden und Studierenden anders auf die US-amerikanische Geschichte?

Sie stellen oft Dinge infrage, die wir in den USA als gegeben ansehen. Zum Beispiel sprachen wir über den Angriff auf Pearl Harbor. Den nehmen die meisten Menschen in den USA bis heute als einschneidendes Ereignis ihrer Geschichte wahr. Aber hier fragten mich die Studierenden, was denn eigentlich das Prägende an diesem Ereignis war. Diese Frage hat mich dazu gebracht, das Thema noch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Wie unterscheidet sich Ihr Leben hier von dem in den USA?

Ich bin gemeinsam mit meiner Frau, meinem 15-jährigen Sohn und meiner 13-jährigen Tochter hier. Ein großer Unterschied zu unserem Leben ist Texas ist, dass wir hier kein Auto haben, es aber auch viel weniger brauchen. Es ist toll, wie viele Leute hier mit dem Fahrrad unterwegs sind – das kennen wir von zu Hause kaum. Am Anfang sind wir deshalb oft auf den Fahrradwegen spaziert, worauf die Leute eher ungehalten reagiert haben. Mittlerweile bin ich es, der klingelt, wenn mal wieder Fußgänger:innen den Weg versperren (lacht). Für jemanden, der aus Texas kommt, sind die Distanzen hier in Europa extrem klein. Wir reisen daher viel, zuletzt zum Beispiel nach London, Paris oder Amsterdam.

Vermissen Sie etwas aus den USA?

Am meisten unsere Freund:innen und Familie, wobei einige von ihnen uns hier auch besuchen kommen. Aber in der Zwischenzeit haben wir uns hier gut eingelebt. Als wir neulich von einem Wochenendausflug nach Bremen zurückkamen, fühlte es sich für mich ein bisschen an, als würde ich wieder nach Hause kommen.

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