„Nicht einschüchtern lassen“

Literaturprofessorin Karen Struve über Frauen, Vielfalt und Habitus an der Uni

Uni & Gesellschaft

„Come As You Are“ – mit diesem Slogan wirbt die Universität Bremen um Studierende. Für Literaturprofessorin Karen Struve ist dieses Motto eine Herzensangelegenheit. Denn sie ist überzeugt davon, dass gute Forschung Perspektivenvielfalt braucht – auch aus eigener Erfahrung. Ihr ist es wichtig, dass Chancen und Zugehörigkeitsgefühl an der Uni nicht von Geschlecht, Nationalität oder Elternhaus abhängen. Anlässlich des Internationalen Tags der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft am 11. Februar hat up2date. sie getroffen.

Bin ich hier richtig? Auf Raumsuche im weit verzweigten und verwinkelten GW2-Gebäude der Uni Bremen kann einem diese Frage schnell in den Sinn kommen. „Es ist sehr leicht, sich hier zu verlaufen“, sagt Karen Struve mit einem Lachen. Auf Wege und Umwege wird sie an diesem Nachmittag noch häufiger zu sprechen kommen, denn sie weiß: „Bin ich hier richtig?“ – das ist an der Uni nicht nur eine räumliche Orientierungsfrage, sondern kann sich schnell auch auf Grundsätzlicheres beziehen: sei es auf die Entscheidung, zu studieren, auf die eigene Fächerwahl oder auch auf die Frage, ob eine Promotion infrage kommt.

Das Landleben gegen die Uni eingetauscht

Auch Karen Struve hat sich in den ersten Jahren ihrer akademischen Karriere oft gefragt, ob sie auf dem richtigen Weg ist: „Ich komme aus einem universitätsfernen Elternhaus“, sagt die 49-Jährige, die in einem Dorf bei Kiel aufgewachsen ist. „Ich bin Bauerstochter. Meine Eltern sind Landwirte in achter Generation.“ Ihre Entscheidung, zu studieren, sei stark intrinsisch motiviert gewesen, erinnert sie sich. „Ich wollte etwas studieren, das rausfinden will, wie Menschen sind und wie sie empfinden. Etwas, das sich nicht übersetzen lässt in eine Gewinnmarge.“ Die Wahl fiel auf Romanistik und Kulturwissenschaften an der Uni Bremen.

„Graue Herren in grauen Anzügen“ Karen Struve

Dass die Uni auch ein späterer Arbeitsplatz für sie sein könnte, habe sie anfangs überhaupt nicht im Blick gehabt. Doch eine Professorin ermutigte sie zu einer Promotion. Karen Struve bewarb sich erfolgreich um ein Stipendium in einem Doktorandenkolleg und merkte bei Fachtagungen in den frühen Nullerjahren schnell, wie sehr das Forschungsfeld von „älteren, grauen Herren in grauen Anzügen“ dominiert wurde. Das habe sich mittlerweile deutlich gewandelt. „Als junge, große blonde Frau bin ich damals anfangs schon sehr belächelt worden“, erinnert sie sich. Selbstzweifel nagten an ihr – Fragen wie: „Kann ich mir als Arbeiterkind jemals diesen Habitus eines Akademikerkindes antrainieren?“

Geholfen habe ihr schließlich eine gewisse Hartnäckigkeit, wie sie sagt: „Ich habe irgendwann entschieden: Ich möchte denen nicht kampflos das Feld überlassen. Wenn ich in dieser Position bin, dann möchte ich das Feld mitgestalten. Und dann kann ich ein Stück weit so bleiben, wie ich mir das vorstelle – und damit das Feld hoffentlich für Menschen öffnen, die sich bestimmten Konventionen nicht unterwerfen.“

Dass Karen Struve mit dieser Haltung Erfolg hat, lässt sich an ihrer akademischen Vita mühelos ablesen. So wurde etwa ihre Dissertation über transkulturelle französische Gegenwartsliteratur mit dem renommierten Prix Germaine de Staël ausgezeichnet, der vom Frankoromanistikverband und der Französischen Botschaft in Deutschland vergeben wird; die Habilitationsschrift erhielt den Elise-Richter-Preis des Romanistikverbands. Seit 2021 hat sie eine W3-Professur für Frankoromanistische Literaturwissenschaft an der Uni Bremen inne. „Ich erlebe hier viel Wertschätzung“, sagt sie. „Die Uni-Leitung hat unseren Fachbereich sehr gut im Blick und schaut nicht nur auf die traditionell drittmittelstarken Technik- oder Naturwissenschaften.“

Geschichten erzählen als Grundbedürfnis

Wichtig ist ihr der Austausch zwischen Uni und Stadtgesellschaft. Zusammen mit ihren Studierenden und Kooperationspartner:innen organisiert sie Lesungen, Podiumsdiskussionen und Ausstellungen an unterschiedlichsten Orten Bremens. „Literatur ist für mich kein exklusives Salon-Thema. Geschichten zu erzählen und erzählt zu bekommen, ist einfach ein menschliches Grundbedürfnis – egal ob in Romanen, Comics, Filmen, Theaterstücken oder Serien.“

Auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat Karen Struve schon früh viel Wert gelegt: „Für mich war immer klar: Wenn das nicht zusammengeht, dann ist die Uni nicht der richtige Ort für mich“, sagt die zweifache Mutter, deren Kinder mittlerweile Teenager sind. Heute versucht sie selbst, familienfreundliche Strukturen zu schaffen – etwa, indem sie Meetings auf den Vormittag legt, Wochenendseminare vermeidet oder Studierende ermutigt, bei einem Betreuungsengpass ihr Kind in die Vorlesung mitzubringen. „Ich hatte hier auch schon mal Babys im Fliegergriff auf dem Arm.“

Herausforderungen im Job und in der Familienplanung

Die Familienplanung stelle an Frauen besondere Herausforderungen. Hier gebe es immer noch das strukturelle Problem, dass sich in den Geisteswissenschaften oft erst mit Anfang oder Mitte 40 abzeichne, ob frau an der jeweiligen Uni jenseits von Zeitverträgen eine dauerhafte Perspektive habe – zum Beispiel in Form einer Professur. „Ich erlebe bei uns an der Uni jedoch eine große Sensibilität für dieses Thema – und ein gemeinsames Verständnis dafür, dass geschlechtsspezifische Herausforderungen nicht zu schlechteren Chancen im Besetzungsverfahren führen dürfen.“ Auch die Tatsache, dass sich die Universitätsleitung aus vier Frauen und einem Mann zusammensetzt, sei ein starkes Zeichen dafür, dass Frauen an der Uni Bremen alle Türen offenstehen.

Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen macht Karen Struve ihren Studierenden und Mentees heute Mut, der eigenen Leidenschaft für ein Themenfeld nachzugehen. „Es ist wichtig, sich nicht von dem Eindruck einschüchtern zu lassen, alle anderen wüssten besser Bescheid als man selbst“, sagt sie. Immer wieder erlebt sie, dass sich Studentinnen am Anfang ihres Studiums seltener zu Wort melden, während viele ihrer männlichen Kommilitonen von vornherein viel selbstverständlicher Redezeit für sich beanspruchen. „Ich ermutige deshalb alle, sich in den Seminaren aktiv mit den eigenen Gedanken und Fragen einzubringen“, sagt sie. Dahinter stehe eine grundlegende Überzeugung: „Gute Forschung und Lehre leben nun einmal von verschiedenen Perspektiven. Deshalb ist es mir so wichtig, dass unsere Studierenden hier echte Zugehörigkeit erfahren können – unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrem Elternhaus oder ihrer Nationalität.“ – „Come As You Are“ eben.

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