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Gemeinsam Gesellschaft erforschen

Wie funktioniert Citizen-Science-Forschung in den Sozialwissenschaften?

Was verstehen wir unter „gesellschaftlichem Zusammenhalt“, und welche Rolle spielt er in unserem Alltag? Im sozialwissenschaftlichen Citizen-Science-Projekt „GINGER – Gemeinsam Gesellschaft erforschen“ forschen Bürger:innen gemeinsam mit Wissenschaftler:innen zum Thema „gesellschaftlicher Zusammenhalt“. In einem Gastbeitrag erläutert Projektleitung Dr. Julia Gantenberg, wie bei dieser Art von Forschung beide Seiten profitieren können, Wissenschaft und Gesellschaft.

Unsere demokratische Gesellschaft steht vor vielfältigen Herausforderungen. Wie wichtig die Reflexion von gesellschaftlichem Zusammenleben ist, zeigt aktuell die Corona-Pandemie, die das individuelle wie soziale Leben herausfordert. Einerseits heißt es, man könne die Krise nur zusammen bestehen. Gleichzeitig wird deutlich, wie unterschiedlich die Menschen von ihr betroffen sind, diese erfahren und auf sie reagieren. Was bedeutet „zusammen“ und „gemeinsam“ in einer Krise, mit der alle einen individuellen Umgang finden müssen? Fühlen wir uns mehr verbunden? Oder dominiert das Gefühl der Ungleichheit? Gibt es diesbezüglich milieuspezifische Unterschiede? Ebenso zeigt die aktuelle Situation, wie unterschiedlich die Erwartungen an Wissenschaft sind und wie wichtig es ist, darüber aufzuklären, was Wissenschaft mit ihren Ergebnissen leisten kann – und was nicht. Vor diesem Hintergrund führt das Zentrum für Arbeit und Politik (zap) der Universität Bremen gemeinsam mit Bürgerforscher:innen und in Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Einrichtungen das sozialwissenschaftliche Citizen-Science-Projekt „GINGER – Gemeinsam Gesellschaft Erforschen“ durch.

Dr. Julia Gantenberg vom Zentrum für Arbeit und Politik (zap) der Universität Bremen übernimmt die Leitung des Projekts GINGER.
© Matej Meza / Universität Bremen

Forschung auf Augenhöhe

Im Rahmen des Projekts GINGER werden die Bürgerforscher:innen – die sogenannten Citizen Scientists – dazu befähigt, eigene Forschungsfragen zu entwickeln, selbst Daten zu erheben, diese im Dialog mit Wissenschaftler:innen auszuwerten sowie gemeinsam für die wissenschaftsinterne wie -externe Öffentlichkeit aufzubereiten und zu kommunizieren. Dadurch berücksichtigt GINGER die Grundidee von Citizen Science, lebensweltliches Wissen auf allen Stufen des Forschungsprozesses zu integrieren. Umgekehrt erlangen die involvierten Bürger:innen Zugang zu sozialwissenschaftlicher Forschungsarbeit und lernen dadurch, wie sozialwissenschaftlicher Erkenntnisgewinn funktioniert. Damit leistet das Projekt einen Beitrag zur Förderung des Vertrauens in Wissenschaft und zur Akzeptanz von Forschungsergebnissen.

Über die Anmeldung zur Beteiligung am Projekt haben wir bereits Themen abgefragt, die für die Bürgerforscher:innen von Interesse sind. Genannt wurden zum Beispiel Themenfelder wie die Diskriminierung von (emanzipierten) Frauen, Verteilungs- und Teilhabe-Konflikte, Migration, sowie der Wandel gesellschaftlicher Kommunikation. Im Rahmen von Kooperationen werden bislang die Themen intersektionale Diskriminierungserfahrungen von geflüchteten jungen Frauen, Zukunftsperspektiven von Jugendlichen und Gründe für das Erstarken rechter Parteien erforscht.

Für das zap stellt die Durchführung des Citizen-Science-Projekts GINGER eine folgerichtige Weiterentwicklung seiner Forschungsaktivitäten dar. Als Einrichtung der Wissensproduktion und des Wissenstransfers gehört es zum Selbstverständnis des zap, nicht über Gesellschaft, sondern mit Gesellschaft zu forschen.

Über die Anmeldung zur Beteiligung am Projekt haben Dr. Julia Gantenberg und Sarah Göhmann bereits Themen abgefragt, die für die Bürgerforscher:innen von Interesse sind. Darunter sind Themenfelder wie die Diskriminierung von Frauen und Wandel gesellschaftlicher Kommunikation.
© Matej Meza / Universität Bremen

Citizen Science – Herausforderung und Chance für die Sozialwissenschaften

Singvögel zählen, Wasserproben entnehmen, Baumbestände dokumentieren: Während Bürgerbeteiligung bei naturwissenschaftlichen Fragestellungen mittlerweile etabliert ist, gibt es vergleichsweise wenige Citizen-Science-Projekte im Bereich der Sozialwissenschaften. Eine Herausforderung wird darin gesehen, dass die Forschenden die nötige Distanz zum Forschungsgegenstand wahren müssen. Im Projekt GINGER greifen wir diese Herausforderung gezielt auf, indem wir die Reflexion der besonderen Rolle sozialwissenschaftlich Forschender bewusst thematisieren.

Gleichwohl wird in Citizen Science auch ein Innovationspotenzial für die Sozialwissenschaften gesehen. So kann der partizipative Ansatz relevante Impulse für die sozialwissenschaftliche Forschung geben – sei es, um gesellschaftsnahe Forschungsfragen zu entwickeln, Daten zu liefern, zu denen Wissenschaftler:innen nur schwer Zugang bekommen oder Ergebnisse aus anderer Perspektive zu reflektieren. Durch die gemeinsame Forschung mit Bürger:innen, lassen sich gesellschaftliche Phänomene ganz neu betrachten. Und die Sozialwissenschaften werden dort tätig, wo sie hingehören: in der Mitte der Gesellschaft.

Weitere Informationen

Das Projekt „GINGER – Gemeinsam Gesellschaft Erforschen“ wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für insgesamt vier Jahre, bis Ende 2024 gefördert. Wer Interesse hat, selbst mitzuforschen, kann sich unter www.uni-bremen.de/ginger/mitforschen anmelden. Es sind keine Vorkenntnisse nötig.

Webseite des Zentrums für Arbeit und Politik (zap)

Webseite zum Projekt „GINGER – Gemeinsam Gesellschaft Erforschen“

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