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Das ausgeklügelte System des Hans-Christian Waldmann

Psychologieprofessor lässt seine Studierenden ein elektronisches Lexikon erstellen

Vorgeschlagen von seinen Studierenden hat Professor Hans-Christian Waldmann den Berninghausen-Preis für innovative Lehre erhalten. Ihre Zahl hat sich seither verdoppelt. Für 60 junge Menschen bietet er Vorlesungen und Seminare an. Bis zu 18 Wochenstunden in einem Semester setzt er an. „Es ist halt meine Berufung“, sagt der Professor, der sein Fach „Theoretische Psychologie“ nennt.

„In Vorlesungen bin ich gnadenlos frontal, in Seminaren sage ich nichts.“

Dabei will er Konzepte und Begriffe der Psychologie aus der Ideengeschichte heraus und im interkulturellen Vergleich verstehbar machen. „In meiner Didaktik bin ich unfassbar retro“, kokettiert der eloquente Wissenschaftler und sagt an anderer Stelle: „Eigentlich bin ich anti-innovativ“. Und das soll den Studierenden gefallen? Da drängen sich doch Fragen auf. Im Gespräch mit Professor Waldmann (das Zimmer abgedunkelt, Plüschtiere auf dem Fensterbrett drapiert, Landkarten der arktischen Tundra an die Wand geheftet) wird deutlich: Seine Lehrmethoden sind ein ausgeklügeltes System. Ein hoher Technikfaktor wechselt sich mit analogen und im guten Sinne alten Methoden ab. In den Vorlesungen sei er „gnadenlos frontal“, sagt der Psychologe und Statistiker. „In Seminaren sage ich nichts.“

Wissen zusammentragen im WIKI

„Wie läuft Lehre denn heute?“, fragt der 51-Jährige rhetorisch und antwortet selbst: „Technokratisiert, entkoppelt vom Individuum des Lehrenden, E-Learning, Downloads, Powerpoint und E-Klausuren“. Er selbst setze Technik erst am Ende des Semesters ein. „Ich möchte, dass die wissenschaftliche Kompetenz, die meine Studierenden erworben haben, alles, worüber wir in drei Monaten intensiv gesprochen haben, zusammengeführt wird“. Dafür bauen sie ein WIKI, eine Art Lexikon oder Lehrbuch, in dem das Wissen gemeinschaftlich eingetragen und bearbeitet wird und so für alle verfügbar ist. Es sei Endprodukt „eines erquicklichen und leidvollen Prozesses“, schmunzelt der Psychologieprofessor.

Top-Student schreibt 14 Seiten

Da entsteht ein riesiges Kompendium: Namen und Gedanken großer Psychologen und Philosophen, Gestaltpsychologie, Neuropsychologie, Sozialpsychologie, Entwicklungspsychologie, Religionen, das Leib-Seele-Problem, Naturwissenschaft und Technik – alles wird intensiv beleuchtet, beschrieben und bebildert. Auf dieser Grundlage ist es für die künftigen Psychologinnen und Psychologen vielleicht auch leichter, die Prüfung zu bestehen. Waldmann gibt nämlich Zettel mit jeweils nur ein, zwei Fragen aus, über die drei Stunden lang gebrütet werden muss. Handschriftlich lassen die Studierenden ihre Gedanken und Geistesblitze aufs Papier fließen, da helfe vernetztes Denken. „Mein Top-Student schreibt schon mal 14 Seiten“, strahlt der Prüfer. Da er offenbar zu seinen Leuten einen sehr guten Draht hat, verschließt er sich deren Wünschen nicht. „Sie haben mich gebeten, ich soll doch noch einen Multiple Choice-Test anbieten, das Zugeständnis habe ich gemacht.“

Waldmann Studierende Rehling
Der beliebte Professor im Kreis seiner Studierenden, die ihn für den Berninghausen-Preis für innovative Lehre vorgeschlagen haben.
Foto: Harald Rehling / Universität Bremen

Entscheider ausbilden

Nun sind das nicht irgendwelche Spielchen, sondern die Vorgehensweise hängt mit dem künftigen Berufsbild zusammen. „Ich will Entscheider ausbilden, die aber nicht denken, sie hätten die Wahrheit gepachtet“, unterstreicht der Gesprächspartner. Denn es gäbe gerade in der Psychologie sehr viele verschiedene Methoden und Schulen. Künftige Therapeuten bräuchten eine theoretische Haltung, das Wagnis eines eigenen Standpunkts in Kenntnis möglichst vieler Ansätze, um später ihre Patienten zu betreuen. Und man müsse mit ihnen sprechen können. Da nutze Powerpoint nichts. Auch er als Dozent müsse sich persönlich einlassen und Stellung beziehen. Professor Waldmann liebt die Kontroversen. Sie bauen das Spannungsfeld auf, von dem sein Fach geprägt ist. Als Beispiel wählt er das Wort „Überfremdung“, das er mit seinen Studierenden demontiert und durchkonjugiert. Zum Stoff gehören auch die Religionen.

An einem Wochenende durch 3.000 Jahre

Noch einmal sortiert: Input in Vorlesungen, Kontroversen, Aussprachen und Vernetzung in den Seminaren, Zusammentragen des Wissens im WIKI. Dann die Prüfungsfrage. Auch für Waldmann bleiben Wünsche offen. Er träumt davon, mal ein ganzes Wochenende lang mit seinen Studierenden im Hörsaal zu diskutieren und die Ideengeschichte der Psychologie („wörtlich: Lehre von der Seele“) quasi an einem Stück nachzuvollziehen. Aber da käme wohl der Sicherheitsdienst, winkt der innovative Lehrer ab.

Wandern ist wie Yoga

Jetzt muss er nur noch die Stofftiere und die Landkarten erklären. „Wenn Studentinnen mit Kindern kommen, dann spielen die gern in meinem Büro. Favorit ist das rosa Walross, und Graf Zahl hat auch nur noch einen Zahn.“ Waldmann berichtet sehr offen von seiner Zeit als alleinerziehender Vater. Und die Karten an den Wänden? Die deuten auf sein Hobby hin. Er wandert gern. Aber nicht irgendwo, sondern allein auf dem Permafrostboden der Tundra oder in den unendlichen Wäldern der Taiga. „Ich suche die Reizarmut, die Isolation, der Blick geht nach innen, es ist wie Yoga“.
Kein Zweifel, der Psychologieprofessor ist immer für eine Überraschung gut.

Zur Person:

Prof. Dr. Hans-Christian Waldmann ist am 22. Mai 1968 in Mannheim geboren. Er studierte von 1988 bis 1993 Psychologie in Heidelberg und schloss mit dem Diplom ab. Bereits im sechsten Semester wurde er das erste Mal Vater. Nach dem Studium war er zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Mannheim. 1995 kam er an die Universität Bremen, wo er promovierte und sich im Jahr 2000 habilitierte. 2010 wurde er zum Professor ernannt und ist heute am Institut für Psychologie tätig. Prof. Dr. Hans-Christian Waldmann erarbeitet in Drittmittelprojekten Tests und Screening-Verfahren, unter anderem für Einschulungen.

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