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Wer lesen kann, ist klar im Vorteil

In dieser Serie stellen wir Menschen vom Campus und ihre Lektüre vor. Diesmal: Elisabeth Hollerweger.

Mit Wolfgang Herrndorfs unvollendetem Roman „Bilder deiner großen Liebe“ hat sich Dr. Elisabeth Hollerweger zunächst beruflich beschäftigt. Doch auch persönlich hat er Spuren bei der Literaturdidaktikerin hinterlassen, und so stellt sie ihn uns in dieser Reihe als ihr aktuelles Lieblingsbuch vor. Ein Roman, der ihren Blick geschärft hat.

Als Leiterin des Bremer Instituts für Bilderbuchforschung beschäftigt sich Dr. Elisabeth Hollerweger in ihrem Berufsalltag vor allem mit Kinderbüchern. In der Ausbildung ihrer Studierenden im Fachbereich Bildungs- und Erziehungswissenschaften ist es ihr besonders wichtig, die zukünftigen Lehrer:innen für das didaktische Potential von Gegenwartsliteratur zu sensibilisieren. Zu „Bilder deiner großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf hat sie bereits Unterrichtsideen entwickelt. Das 2014 posthum erschienene Buch ist Herrndorfs zweite Road Novel nach seinem Erfolgsroman „Tschick“. Der Plot scheint Tschick-Leser:innen bekannt: Die junge Protagonistin Isa läuft aus einer Psychatrie weg. Doch auch wenn die Figur Isa bereits in „Tschick“ auftaucht – als Fortsetzung ist „Bilder deiner großen Liebe“ nicht zu verstehen, merkt Elisabeth Hollerweger gleich an. „Die Fokussierung der Figur Isa erweitert vielmehr den Blickwinkel auf das Geschehen: Die Begegnung mit Tschick, der Figur des titelgebenden Jugendromans von Herrndorf, wird in ‚Bilder deiner großen Liebe‘ noch mal aus Isas Perspektive erzählt.“ Deswegen hat Elisabeth Hollerweger für die up2date.-Anfrage diesen Roman ausgewählt: „Das macht es aus meiner Sicht zu einem spannenden literarischen Projekt!“

Fragmentarische Erzählung

„Bilder deiner großen Liebe“ spiegelt auch einen Entstehungsprozess wider: Der Roman blieb unvollendet, Herrndorf schrieb bis kurz vor seinem Tod daran. Er legte fest, dass keine Fragmente veröffentlicht und keine Germanisten „rangelassen werden“ sollten. Für „Bilder deiner großen Liebe“ machte er eine Ausnahme, legte die Bedingungen für die Veröffentlichung aber selber fest. Die Herausgeber:innen Marcus Gärtner und Kathrin Passig führten dementsprechend lediglich Herrndorfs Manuskript zu einer linearen Erzählung zusammen. So bleibt es, wie sein Untertitel verrät, ein unvollendeter Roman. „Spannend finde ich dabei den Blickwinkel“, sagt Elisabeth Hollerweger. „Die Erzählung basiert allein auf Isas Innenperspektive. Die unvollendet gebliebene, fragmentarische Erzählung passt zu Isas Eindruck der Welt und zu ihrer Wahrnehmung.“

Verrückte Heldin

Doch wie versteht sie Isas Wahrnehmung? Ist sie so verrückt, wie man sie in „Tschick“ kennengelernt hat? „Das fragt man sich als Leser:in permanent – da die Erzählung auch vom Aufbau nicht so klar ist. Entkräftet wird der Eindruck aus Tschick schon durch den ersten Satz in Isas Geschichte. Sie sagt: ‚Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.‘ Dementsprechend“, betont Elisabeth Hollerweger, „ist Isa eine ver-rückte und damit auch eine unzuverlässige Erzählerin. Sie gerät immer wieder in kuriose Situationen, die dann auch in der Rezeption irritieren und gewissermaßen die eigene Sicht auf die Welt verrücken.“ Besonders gut habe ihr auch eine Inszenierung am Prinz Regent Theater Bochum gefallen. Dort wurde die vielschichtige Persönlichkeit der Isa durch drei Figuren dargestellt: als handelnde, denkende und fühlende Isa. Das deckt sich mit ihrer Wahrnehmung der Hauptfigur. „Die vielen Gedankenspiele von Isa machen die Lektüre besonders interessant“, findet Hollerweger. „Zum Beispiel diese Stelle, in der sie sagt: ‚Ich stelle mir vor, wie mein Leben jetzt weitergehen würde, wenn es nicht mein Leben wäre, sondern ein Roman.‘ So werden bruchstückhafte Erinnerungen und bizarre Begegnungen mit poetischen Momentaufnahmen verwoben.“

„Es ist ein Privileg, lesen zu dürfen“

Hollerwegers eigenes Leseverhalten hat sich über die Jahre verändert. Die Germanistin liest vorwiegend für ihre Seminare für Lehramtsstudierende und die Artikel, die sie schreibt. Sie empfindet es als großes Privileg, dass das Lesen Teil ihrer Arbeit ist, denn sie muss sich immer up-to-date halten. Ihre Leidenschaft fürs Lesen kommt dadurch jedenfalls nicht zu kurz – wie man an der Auswahl dieses Lieblingsbuchs erkennen kann. Denn Herrndorfs Roman ist wegen seiner jugendlichen Protagonistin nicht per se ein Jugendbuch. „Jugendliche können die lebensperspektivischen Fragen vielleicht noch nicht alle erfassen“, resümiert die Literaturdidaktikerin. In der Lehramtsausbildung beschäftigt sie sich daher auch mit dem Prozess literarischen Lernens: „Die Fragen die wir stellen sind: Kann ich in andere Perspektiven und literarische Welten eintauchen? Und dadurch auch eigene Welt mit anderen Augen sehen?“ Und das sind am Ende auch die Fragen, die sie privat bei einem guten Buch bewegen: „Was hat mich fasziniert, warum – und was hat das mit mir zu tun?“ Isas Sicht auf die Welt hat sich Elisabeth Hollerweger jedenfalls eingeprägt. „Man folgt ihrer Innenperspektive, schaut aus ihrem Blickwinkel, und hinterfragt dadurch die Norm sowie sein eigenes Wahrnehmen der Welt. Auch Jahre nach der ersten Lektüre komme ich immer wieder in Situationen, in denen ich denke: Was würde Isa dazu sagen?“


Wer hat eine Buchempfehlung, die er anderen Leseinteressierten nicht vorenthalten will? Es kann Belletristik sein, aber auch Sachbücher sind interessant. Wir freuen uns über eine Nachricht an die up2date.-Redaktion: up2date@uni-bremen.de.

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